
Noch übt Kristina Suremann am Simulator, im Frühling geht es dann aber in den richtigen Kontrollraum. Foto: Peter Würmli
Wangen – Über die Schweizer Köpfe fliegen täglich rund 3400 Flugzeuge hinweg. Der hiesige Luftraum ist einer der am dichtesten beflogenen Europas. Würde jeder Pilot nach Gutdünken fliegen, wären nicht nur ein heilloses Durcheinander vorprogrammiert, sondern auch Unfälle zu befürchten. Um dies zu verhindern, folgen die Flugzeuge den Anweisungen der Lotsen von Skyguide. Diese teilen den Piloten Luftkorridore zu und verhindern so, dass sich Flugzeuge in die Quere kommen. Die 21-Jährige Kristina Suremann wird bald eine davon sein. Die junge Mönchaltorferin absolviert eine Ausbildung zur Fluglotsin.
Den Bildschirm vor Augen
Beim Besuch des TA im Kontrollzentrum von Skyguide sitzt Kristina Suremann gerade an einem Simulator und absolviert die letzten Minuten ihres Trainings. Sie hat verschiedene Bildschirme vor sich. Das wichtigste Instrument der angehenden Fluglotsin ist der Radarschirm. Auf diesem kann sie die verschiedenen Flugzeuge mitsamt ihrer Flugroute verfolgen – die an diesem Trainingsarbeitsplatz allerdings nur simuliert am Himmel unterwegs sind.
Nachdem Suremann ihre Trainingseinheit beendet hat, erzählt sie von ihrem zukünftigen Job und ihrer Ausbildung: «Als Lotsin bin ich zuständig für alle Bewegungen die in meinem Luftraum stattfinden.» Kein Flieger dürfe ohne ihre Bewilligung steigen, sinken oder von der Route abweichen. Da Flieger sich gleichzeitig auf derselben Höhe bewegen können, sei sie verantwortlich, dass selbige sich nie näher kommen als fünf nautische Meilen, was ungefähr 9,3 Kilometern entspricht.
«Zu dieser Ausbildung kam ich per Zufall. Es war sicherlich nicht ein Kindertraum», erzählt sie und lacht. Nach ihrer vierjährigen Elektroniker-Lehre habe sie eine Anschlusslösung gesucht. Dabei sah sie in einer Zeitung ein Inserat, das für die Ausbildung bei Skyguide warb. «Ich meldete mich spontan und wollte einfach mal sehen, ob sich etwas ergibt», so Suremann. Es folgten verschiedene Abklärungen wie IQ-Tests, psychologische Tests und Interviews. «Zu meiner Überraschung bestand ich all diese Prüfungen», meint die 21-Jährige bescheiden und lächelt. Und so absolviert sie seit dem Herbst 2008 zusammen mit zehn Kollegen die zweijährige Ausbildung zur Fluglotsin.
Das erste Jahr sei von viel Theorie geprägt gewesen. «Nun absolviere ich aber seit drei Wochen ein On-The-JobTraining» sagt sie. Dieses finde vorerst am Simulator statt. Im Frühling folge dann aber auch Arbeit im richtigen Kontrollraum.
Job nicht ohne Stress
Darauf angesprochen, ob auf ihr als Lotsin nicht ein enormer Druck laste – das Stichwort Unglück von Überlingen fällt – wird sie einen Moment nachdenklich. «Doch, das habe ich mir im Voraus auch überlegt», sagt sie und räumt ein, dass sie schon ein wenig Bammel vor dem Live-Betrieb habe. Jedoch habe sie darüber auch schon häufig mit erfahrenen Arbeitskollegen gesprochen. «Es tut gut und beruhigt, wenn man von den Erfahrungen und Problemen der anderen hört», sagt Suremann. Erst vor kurzem habe sie miterlebt, wie ein von Mailand aus kommendes Flugzeug einen medizinischen Notfall meldete und wieder umkehren musste. Der diensthabende Fluglotse musste nun Mailand informieren, dass ein ausserplanmässiger Flug mit einem medizinischen Notfall an Bord unterwegs sei und landen wolle. Zudem musste er dem Flug eine neue Route zuweisen und andere Flugzeuge umlenken. Dies müsse schnell gehen und sei recht stressig.
«Es ist ein Job, der viel innere Überzeugung verlangt», fasst Suremann zusammen. Während der siebenstündigen Schicht müsse man hundertprozentig bei der Sache sein. Nach so einer Schicht sei sie dann schon ziemlich kaputt und froh, wenn sie sich zu Hause einfach mal gehen lassen könne oder Freunde treffe. «Das reicht mir als Ausgleich – ich bin eher nicht so die SportFanatikerin», meint sie und lacht.
Dieser Artikel erschien am 17.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland