Der in Illnau-Effretikon lebende Jörg Bachofner ist Geschäftsführer des Pfungener Hilfswerks Selam. Die Dankbarkeit der Menschen ist für ihn das grösste Geschenk.
Illnau-Effretikon – In einem unscheinbaren Oberweninger Wohnquartier befindet sich die bescheidene Geschäftsstelle des christlichen Hilfswerks Selam. Dieses unterstützt seit Jahren bedürftige Kinder und Jugendliche in Äthiopien, indem es ihnen ein Zuhause bietet und ihnen eine Ausbildung ermöglicht. Selam steht damit in der Tradition vieler kleiner Hilfswerke, die es hierzulande gibt.
In der Schweiz verbucht Selam gerade einmal 140 Stellenprozente, wovon deren 80 auf den Geschäftsführer Jörg Bachofner entfallen. In seinem Büroraum erzählt Bachofner bei einer Tasse Kaffee, wie er mit Selam in Kontakt kam. «Das Hilfswerk wurde 1985 während der grossen Hungersnot in Äthiopien von der Pfungener Familie Röschli gegründet», so der 48-Jährige. Als er in den späten 80er-Jahren mit Frau und Kind nach Pfungen zog, lernte er dort im gemeinsamen Gebetskreis die Familie Röschli kennen. Ihre Wege trennten sich danach aber wieder für eine Weile. «Wir zogen nämlich für einige Jahre in die Elfenbeinküste, um dort bei Entwicklungsprojekten mitzuhelfen», erzählt der diplomierte AgroIngenieur.
Die Dankbarkeit der Menschen
Als Anfang der 90er-Jahre sein Engagement in Westafrika zu Ende war, bereiste Bachofner Äthiopien. Dort gab er Selam sein Wissen über Tierhaltung weiter. Daraufhin verebbte der Kontakt wieder, bis an einem Herbsttag im Jahr 2007 jemand von Selam anrief. Denn im Sommer desselben Jahres war völlig überraschend der damalige Geschäftsführer verstorben. Das Hilfswerk benötigte somit selbst Hilfe.
Bachofner übernahm die Aufgabe. «Wenn es mich irgendwo braucht, dann helfe ich dort», sagt er und fügt an, dass dies ein Stück weit auch sein Lebensmotto sei. Denn schon damals in der Elfenbeinküste habe er festgestellt, dass ihm das Helfen eine tiefe innere Befriedigung verschaffe. «Zu dienen, ist für mich eine Quelle der Freude», sagt er und lächelt.
Als Beispiel nennt er seine Erfahrungen, die er in einem rückständigen Grenzgebiet der Elfenbeinküste gesammelt hat. Dort habe er liberianische Flüchtlinge in Landwirtschaft unterrichtet. «Die Dankbarkeit dieser Menschen war für mich das grösste Geschenk», erzählt er gerührt. Jene hätten ihm erzählt, dass man ihnen alles genommen habe. Aber das Wissen, welches er ihnen vermittelt habe, könne ihnen nun niemand mehr wegnehmen. «In Afrika habe ich einen Erdteil kennengelernt, wo die Beziehung der Menschen untereinander wichtiger ist als alles andere», resümiert Bachofner. Nachdenklich fügt er an: «Das ist etwas, was wir hier leider ein wenig verlernt haben.»
Ausbildung auf hohem Niveau
Selam indes betreibt in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba zwei «Children’s Villages», die rund 450 Waisenkindern ein Zuhause bieten. Daneben besitzt das christliche Hilfswerk eine eigene Privatschule, in der es gegen 3000 Schüler unterrichtet. Für die Berufsbildung gibt es zusätzlich ein eigenes Ausbildungszentrum. «1991 nahmen wir die ersten 16 Schlosserlehrlinge auf, die nach drei Jahren ihre Ausbildung auf Schweizer Niveau abschlossen», so Bachofner. Letztes Jahr seien es bereits 110 Lehrlinge gewesen, die ihre Lehre als Schlosser oder Elektriker erfolgreich beendeten.
Heute bietet das Zentrum Lehrstellen für angehende Schlosser, Mechaniker, Elektriker, Automechaniker, Biogas- und Solarenergiespezialisten, aber auch im Hausbau an. «Unsere Lehrlinge erhalten dort eine sogenannte On-theJob-Ausbildung», erzählt Bachofner. Sie würden Teil der Wertschöpfung und trügen somit zur Finanzierung ihrer eigenen Ausbildung bei. Der Erfolg sei beachtlich: «Wir können sagen, dass das Ausbildungszentrum aus jedem Spendenfranken einen zweiten Franken erwirtschaftet.»
Dieser Artikel erschien am 06.01.2010 im Tages-Anzeiger Region Oberland