Ohne Temprament kein Flamenco

7. November 2009

Mit Flamenco wollten Rafael Segura und sein Cuadro die Glut Spaniens nach Grafstal bringen. Der Funke sprang jedoch nur teilweise auf das Publikum über.

Grafstal – Das Begegnungszentrum St. Josef erinnert in seiner Aufmachung an ein spanisches Nachtlokal. Die überall im Raum verteilten Tische wirken wie kleine Inselchen, um welche sich die Gäste scharen. An den Tischen wird Rotwein getrunken. Die aufgestellten Scheinwerfer tauchen dabei den Raum in ein feuriges Rot. Unter den rund 50 Besuchern sind vergnügte Gespräche im Gang. Doch dann senkt sich der Geräuschpegel – ein etwas älterer Mann, eine Tänzerin und ein Tänzer sowie ein Gitarrist betreten die Bühne. Es ist Rafael Segura und sein Cuadro Flamenco. Ohne grosse Umschweife beginnt der Zirkel sein Spiel. Juan Garcia entlockt seiner Gitarre typisch spanische Melodien, melancholisch und doch stolz. Dazu singt Rafael Segura mit geschlossenen Augen und gewaltiger Stimme von verflossener Liebe und grossen Gefühlen. In seinem Gesang finden sich die Einflüsse der Besetzung Spaniens durch die Araber wieder. Rasante und harte Wechsel der Tonlagen sowie eine Stimme, die aus dem Innersten der Seele zu kommen scheint.

Begleitet von Seguras Gesang und Garcias Gitarrenspiel zeigen Carin Segura und Miguel Tellez einen typischen Flamenco-Tanz. Carin Segura trägt ein langes, weisses, mit Blütenmustern versehenes Kleid, das um die Hüften eng geschnitten ist und an Armen und Beinen wieder in die Breite wächst. Dazu tragen beide hohe Tanzschuhe, mit welchen sie im Takt des Gitarrenspiels auf den Parkett steppen und so den Rhythmus verstärken. Sinnlichkeit beherrscht den Tanz des Paares – gradlinig blicken sich die Partner in die Augen und doch ist ihr Tanz von einer speziellen Distanziertheit umgeben. Mit ausgestreckten Armen berühren sie sich lediglich an den Händen, drehen sich so im Kreise und blicken letztlich in entgegengesetzte Richtungen. Tellez bleibt danach alleine auf der Bühne zurück, macht weiter, als ob er mit einer unsichtbaren Partnerin tanzen würde. Er ergreift sie, zieht sie an sich und starrt in die Leere. Dann setzt er einen immer schneller werdenden Stepptanz in Gang, der bald an Trommelfeuer erinnert und letztlich durch viele kleine Schrittchen prasselndem Regen gleichkommt. Am Ende applaudiert das Publikum erstmals lautstark.

Nach einer Pause tritt nur der Gitarrist auf die Bühne und spielt ein Stück, dass im Zuschauer Bilder weiter, karger Landschaften entstehen lässt. Auch danach applaudiert das Publikum kräftig – und doch scheint der Funke des temperamentvollen Flamencos nicht richtig auf die Anwesenden überzuspringen. Selten ein wippender Fuss oder eine im Takt der Melodie auf den Oberschenkel klopfende Hand: Zwei gänzlich verschiedene Kulturen prallen an diesem Abend aufeinander – eine, die ihre Gefühle nach aussen zu kehren pflegt, und eine, die ihre Gefühle stets zu kontrollieren weiss.

Dieser Artikel erschien am 07.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland.

Kulturgemeinschaft Uster setzt auf junge Besucher

5. November 2009

Mit dem Stück «Die Belagerung» versucht die Kulturgemeinschaft Uster Jugendlichen das Theater schmackhaft zu machen.

Uster – Die Kulturgemeinschaft Uster (KGU) braucht junges Blut. Seit 60 Jahren organisiert die KGU kulturelle Veranstaltungen in den Sparten Theater, Konzerte, Kleinkunst und Literatur. Sie gehört damit zu den wichtigsten Kulturanbietern der Stadt. Seit einigen Jahren jedoch verliert sie kontinuierlich Zuschauer. Einst konnte die KGU 10 000 Zuschauer pro Spielsaison verzeichnen, 2006 waren es gerade noch 6500. Grund dafür sei die Konkurrenz der Stadtzürcher Theater, welche durch die schnellen Bahnverbindungen gewachsen sei, sagt Jan von Rennenkampff, Vorstand des Theaterbereichs der KGU. Zudem blieben auch viele ältere Besucher fern, «weil sie sich das Theater nicht mehr leisten konnten oder weil sie eben nicht mehr lebten». 2007 folgte eine Neuausrichtung der KGU mit dem Ziel, ein jüngeres Publikum zwischen 30 und 50 Jahren anzusprechen und die Marke von 10 000 Zuschauern wieder zu erreichen. Erster Schritt zu einem jüngeren Image waren eine neue Webseite und auffällige, in Orange gehaltene Werbeplakate. «Den Negativtrend konnten wir daraufhin stoppen. Die Zuschauerzahlen sind nun stabil», zieht Rennenkampff Bilanz.

Verjüngtes Programm

Zur selbst verordneten Verjüngungskur gehört auch ein neuer Spielplan, der insbesondere das jüngere Publikum berücksichtigt. «Wir versuchen damit die Jugendlichen schon früh für das Theater zu begeistern», erklärt Rennenkampff. Mit dem Stück «Die Belagerung», welches die KGU heute Abend zusammen mit der Zürcher Kompanie Kopfstand aufführen wird, richtet sie sich erstmals an ein jugendliches Publikum.

Grundlage dieser Inszenierung bildet das gleichnamige Jugendbuch von Martin Baltscheit. Die Geschichte spielt im Jahre 1927 in einem der kältesten Winter Sibiriens. Das kleine Dorf Pilowo wird eingeschneit und völlig von der Aussenwelt abgeschnitten. Als eine Familie des Dorfes aus Hungersnot Wolfsfleisch isst, belagern plötzlich Wölfe das Dorf, und zwischen Mensch und Wolf beginnt ein Kampf ums Überleben. Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler führen als Hörspiel-Produzenten durch die Inszenierung. Mit Mikrofonen treten sie im Halbdunkel an den Bühnenrand. Und mit ihren durch ein elektronisches Gerät verzerrten Stimmen wirken sie wie angsteinflössende Bestien. Man vernimmt das markdurchdringende Heulen der Wölfe, ihr Keuchen und Knurren. Langsam nähern sie sich einem der Häuser immer mehr. Dann: Ein paar glühende Augen erscheinen im Dunkel der Bühne. Plötzlich Stille. Immer tiefer und tiefer geraten die Zuschauer in den Bann einer nur scheinbar fremden Welt, in welcher der Mensch dem Wolf als Gegner gegenübersteht. Aber der Wolf ist nur eines von vielen möglichen Feindbildern, die uns auch heute umgeben. Wer ist Jäger, wer Gejagter? Das Stück zeige symbolisch auf, wie alle häufig Mensch und Wolf zugleich seien, sagt Charlotte Baumgart, Mitglied der Leitgruppe der Kompanie Kopfstand.

Die Kompanie Kopfstand stammt ursprünglich aus Deutschland und ist nun in Zürich sesshaft geworden. Das Ensemble kombiniert Theaterproduktion und Theaterpädagogik miteinander. Die Kompanie Kopfstand kooperiert dabei in unterschiedlichen Formen mit Kindergärten und Schulen. Zu den Proben für «Die Belagerung» wurden beispielsweise vier Patenklassen eingeladen. «Die Schüler konnten sich das Stück anschauen und uns Rückmeldungen dazu geben», erzählt Charlotte Baumgart. Sie hatten damit die Möglichkeit, das Stück aktiv mitzugestalten und Änderungsvorschläge anzubringen. «Die Kids fanden das ganz toll und machten mit grosser Begeisterung mit», erzählt Baumgart erfreut.

Dieser Artikel wurde am 05.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland publiziert

Er spielt das Lied vom Tod

4. November 2009

Der in Wald aufgewachsene Daniel Hildebrand ist professioneller
Mundharmonikaspieler. Dazu gehört eine gesunde Portion Melancholie.

Der in Wald aufgewachsene Daniel Hildebrand ist professioneller Mundharmonikaspieler. Dazu gehört eine gesunde Portion Melancholie.

Wald – Auf der Bühne steht ein junger Mann mit gesenktem Haupt. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, sein dunkler Filzhut verdeckt es. Langsam führt er eine Hand zu seinem Holster und zieht daraus blitzschnell einen silbernen Gegenstand hervor, der im Licht der Scheinwerfer kurz aufblitzt. Eine Szene, die aus einem Westernfilm stammen könnte. Doch während die Banditen an dieser Stelle ihren Colt ziehen würden, ist es bei Daniel Hildebrand lediglich seine Mundharmonika. Eine von fünf, die er an seinem Gürtel trägt. Nun führt er das Instrument langsam zu seinem Mund und beginnt sein Spiel mit drei lang gezogenen Tönen. Im Saal ist nun jedem klar, was folgt: «Spiel mir das Lied vom Tod», das Lied aus dem gleichnamigen Westernfilm. Durch das Publikum im Gasthof Lauf geht ein wohlwollendes Lachen. Der Auftritt oberhalb von Wald ist einer von vielen. Weitere folgen in den nächsten Wochen in Winterthur und Zürich. Der 32-Jährige versteht es, sein Publikum mit Einlagen wie dem Lied vom Tod zu unterhalten. Nun spielt er ein bluesiges Stück an. Unweigerlich tauchen Bilder vor dem inneren Auge auf: Louisiana, schwüle Nächte, das sich streitende Ehepaar von nebenan und von weit her, irgendwo in der dunklen Nacht, der verwegene Klang einer Blues-Harmonika. Hildebrand, der dieses Stück mit geschlossenen Augen und grosser Leidenschaft spielt, spinnt die Geschichte weiter. Die Melodie wird monotoner, die Töne werden härter, zunehmend gepresster, bis sie letztlich an das Keuchen einer alten Lokomotive erinnern. Diese wird schneller und schneller, gibt zwischendurch Signallaute ab und verwandelt sich plötzlich in einen Hochgeschwindigkeitszug. Nun spielt Hildebrand nämlich nicht mehr auf seiner Mundharmonika, sondern macht mit seinem Mund Beatboxing- Geräusche. Hildebrand lächelt zufrieden ins Publikum, nickt kurz und wendet sich wieder seiner Mundharmonika zu. Stets wirkt er bescheiden, ja schon fast demütig, und es hat den Anschein, als geniesse er jede einzelne Sekunde, die er hier spielen darf.

Aufgeregt wegen Heimspiel

Nach dem Konzert muss sich Hildebrand zuerst ein Bier holen, «um wieder ein wenig herunterzukommen». Er sei heute ein bisschen aufgeregt gewesen, da er doch die eine oder andere Person im Publikum von früher her kenne, erzählt er. Zwischendurch treten immer wieder Leute aus dem Publikum an ihn heran und gratulieren ihm – das Konzert sei toll gewesen. Hildebrand wohnte im Alter von 9 bis 18 Jahren im Walder Binzholz. Bald erkannte er, dass er professionell Musik machen will: «Ich spielte lange Zeit nur für mich selbst, aber dann bei der Berufswahl sah ich, dass sich Türen auftun», sagt er und blickt in die Ferne. Mit 18 Jahren habe er an einer Mundharmonika-Europameisterschaft teilgenommen und überraschend gewonnen, zwei Jahre später gewann er sogar die Weltmeisterschaft. «Das gab mir Selbstvertrauen», erzählt er. Nach seinem Musik- und Bewegungspädagogikstudium begann er Konzerte zu geben und trat auch schon im Ausland auf, beispielsweise am bayrischen Jazzweekend in Regensburg. Solche grossen Bühnen hätten zwar schon ihren Reiz, «jedoch verliert sich die Nähe zum Publikum ab einer gewissen Grösse». Für ihn sei es jedoch die Hauptsache, dass er spielen könne. «Und mit zum Spiel gehört auch immer eine gesunde Portion Melancholie», sagt er, und seine kastanienbraunen Augen strahlen dabei. «Es ist aber keine traurige Melancholie, sondern eine süsse, in der man schwelgen kann.»

Dieser Artikel erschien am 27.10.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland

Spatenstich für historische Bahnhofhalle

12. Oktober 2009

Der Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland erhält Basels historische Bahnhofshalle. Die Feierlichkeiten rund um den Spatenstich für die neue Halle am Samstag waren trotz des Dauerregens gut besucht.

Es schien fast so, als hätte sich Petrus just den Moment des Spatenstiches ausgesucht, um dann die Schleusen zu öffnen und alles Wasser dieser Welt auf Bauma herunterregnen zu lassen. Der Regen prasselte unbarmherzig auf die Funktionäre des Dampfbahn-Vereins Zürcher Oberland (DVZO), auf die Baumer Gemeindepräsidentin Marianne Heimgartner (EVP) und die zahlreichen Besucher, welche sich unter ihren Regenschirmen versteckend um Heimgartner und Gerhard Fischer (EVP) scharten. Er vertrat als Vizepräsident des Kantonsrats die verhinderte Präsidentin Esther Hildebrandt (Grüne) und somit den Kanton Zürich.

«Eine Reise in die Vergangenheit»

Heimgartner, deren Notizen sich trotz dem Schutz eines Regenschirms schon bald aufzulösen begannen, liess sich von den Launen der Natur nicht beirren. Sie zeigte sich höchst erfreut darüber, dass Bauma mit Basels historischer Bahnhofshalle von anno 1860 eine weitere Bereicherung erfährt. Sie verwies auf die vielen anderen historischen Lokomotiven und Bahnwagen des DVZO, welche bereits jetzt in Bauma beheimatet sind, und meinte stolz: «In unserer Gemeinde kann man buchstäblich eine Reise in die Vergangenheit machen.» Wenig später erklomm Heimgartner zusammen mit Fischer den hinter ihnen auf dem Gleis stehenden Lastkran, welcher wohl ebenfalls bereits gegen die hundert Jahre alt ist.

Nun begann der Akt des Spatenstiches, der eigentlich gar kein Spatenstich war, sondern viel eher ein Gleisabriss: Mit vereinter Muskelkraft kurbelten Heimgartner und Fischer an einem Rad des Lastenkranes, welcher langsam, aber beharrlich ein Stück präparierten Gleises aus seinem Bett hievte. Der «Spatenstich» war vollbracht. Auf die neue, alte Bahnhofshalle müssen die Dampfbähnler allerdings noch eine Weile warten.

Die im Schweizer Heimatstil gebaute Halle, die 1860 im Basler Bahnhof errichtet und 40 Jahre später nach Olten gezügelt wurde, wird dem historisch wertvollen Wagenpark des DVZO in Bauma erst ab 2014 Schutz vor Regen und Schnee bieten. Dass der Applaus beim Spatenstich spärlich ausfiel, war nur darauf zurückzuführen, dass die Anwesenden mit einer Hand den Schirm umklammern mussten und somit nur eine Hand frei zum Applaudieren hatten. Hugo Wenger, Präsident des DVZO, informierte, dass nach einer halben Stunde noch ein Extrazug nach Hinwil fahre, woraufhin sich die Zuschauer gemächlich über das Baumer Bahnhofs-areal verstreuten.

Einige davon zog es gleich ins Festzelt, sei es um endlich dem Regen zu entkommen, oder sei es, weil sie der Geruch von frisch grillierten Bratwürsten anlockte. Viele andere aber, meist Väter mit ihren Söhnen, Hobbyfotografen oder ältere Eisenbahnfreunde, trieben sich trotz aller Widrigkeiten zwischen den Abstellgleisen herum. Dort waren nämlich die alten, fein herausgeputzten Loks abgestellt. Beispielsweise die von Eisenbahnfans verehrte Gotthard-Krokodillok mit Baujahr 1925 und ihrem obligaten grünen Anstrich. Oder die massive, gut elf Meter lange Tenderdampflok Ec 4/5 aus dem Jahre 1911, welche mit ihrem kohlrabenschwarzen Anstrich geradezu einschüchternd daherkommt. Sie reiste eigens aus dem Bernbiet ins Tösstal.

Der Sonderzug nach Hinwil

Wenig später kündigte sich mit lautem, weithallendem Pfeifen ein weiteres Ereignis an: Der Sonderzug nach Hinwil stand bereit. In die drei historischen Bahnwaggons oder in den roten Speisewagen stiegen nun allerlei Festbesucher ein und nahmen auf den sich darin befindlichen Holzbänken Platz. Die dreiachsige Lokomotive mit Baujahr 1907 begann immer heftiger zu schnauben, und aus ihrem Dampfdom stiess sie mehr und mehr Wasserdampf. Dann folgte noch einmal ein letzter Pfiff, ehe sie sich langsam, aber bestimmt in Bewegung setzte.

Aus dem Schornstein hustete sie dicke Rauchschwaden, die sich mit dem Dampf aus dem Schlot vermischten und den ohnehin schon grauen Himmel noch etwas dunkler färbten. Und nun zogen die weitgehend ungefederten Bahnwagen dröhnend an den noch verbliebenen Festbesuchern vorbei. Zuerst langsam, dann immer schneller, bis sie kleiner und kleiner wurden, sich mit den Dampf- und Rauchschwaden der Lok vermischten und im Einheitsgrau dieses Samstags verschwanden.

Dieser Artikel erschien am 12.10.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland

Kurz verlinkt: Tipps für Journalisten

9. Oktober 2009

David Bauer hat in seinem Post “Fesseln, nicht knebeln – den Leser im Text halten” einige spannende Schreibtipps für Schurnis aufgelistet. Vielen Dank hierfür!

Blickgotterie?

1. Juli 2009

Als Journalist ist das ja immer so eine Sache mit dem öffentlichen Interesse. Jede Redaktion legt “öffentliches Interesse” unterschiedlich aus. Ein jüngstes Beispiel bietet mein Lieblingsblatt, der Blick. Wie ich durch Ugugu erfahren habe, richtet der Blick derzeit seine gespitzten Bleistifte auf eine “Sozialamtsleiterin” (Gemäss der Webseite der Gemeinde Oberweningen übt sie jedoch die Funktion “Sekretärin der Sozialbehörde” aus). Diese Sekretärin übt ein sicherlich etwas aussergewöhnliches Hobby aus – sie lässt sich in Sado-Maso-Posen ablichten.

Soweitsogut. Doch lässt sich damit eine solche Hetzkampagne rechtfertigen? (ich bezeichne sie als eine solche, da der Blick noch einen weiteren Artikel darüber verfasst hat). Wieder die Frage des öffentlichen Interessens – darf eine Sekretärin der Sozialbehörde solche Aufnahmen von sich machen? Der Blick zitiert in seinem Artikel einen Berner Juristen, Martin Zwahlen. Dieser sagt sinngemäss, dass eine Nebenbeschäftigung nicht dem Ansehen des Arbeitgebers schaden dürfe.

Der Blick zieht sich damit argumentativ aus der Schlinge. Denn sollte die Öffentlichkeit vom sonderbaren Hobby der Sekretärin erfahren, so dürfte dies dem Ansehen der Gemeinde tatsächlich schaden.

Jedoch, wie bereits erwähnt, muss die Öffentlichkeit erst davon erfahren. Im Fall der Sekretärin hat sie es erst durch den Blick. Der Blick bedient damit nicht öffentliches Interesse, sonder er schafft erst öffentliches Interesse. Denn das Hobby der Sekretärin wurde erst zum Problem, nachdem die Geschichte publik geworden ist. Die Leistung der Sekretärin als solche in ihrer Funktion, welche in meinen Augen viel näher mit dem öffentlichen Interesse verbunden ist, bleibt im ganzen Blick-Bericht unberücksichtigt.

Blickgotterie?

Bei tou.ch wurde in den Kommentarspalten ein happiger Vorwurf gegenüber Debora Zeier, der Autorin des Blick-Berichts laut. Es hiess darin, die Journalistin betreibe selbst eine Webseite, die sie in doch ziemlich knapper Bekleidung zeige. Tatsächlich findet sich eine solche (http://www.deborazeier.com/Home). Dies heisst jedoch noch lange nicht, dass es sich bei der Betreiberin der Webseite und der Journalistin um ein und dieselbe Person handelt. Wäre aber äusserst delikat und würde den Blick-Artikel in ein völlig neues Licht rücken – bigoter ginge es gar nicht. Ich habe deshalb vor einer Stunde den Blick mit der Bitte um Auskunft kontaktiert.

Falls der Blick antworten sollte, werde ich dies hier natürlich veröffentlichen.

Update: Pikant ist, dass die besagte Sekretärin, sowie auch die Autorin, Debora Zeier, beide am selben Missbikini-Wettbewerb teilgenommen haben. So wie ich das noch durch Google rekonstruieren kann, zwar nicht im selben Jahr, jedoch stellen sich mir dabei trotzdem einige Fragen.

Update II: Ich weiss leider immer noch nicht, ob das Fotomodell und die Journalistin Debora Zeier dieselben Personen sind. Falls jedoch schon, ist es wohl nicht so klug, wenn man im Glashaus sitzend, mit Steinen um sich wirft. (Danke @Complete).

Update III: 20 Minuten greift die Sache auf – damit ist wohl nun gesichert, dass es sich beim Model Debora Zeier auch um die Blick-Journalistin Debora Zeier handelt

Update IV: Nun wird langsam ersichtlich, wie die Story entstanden sein könnte. Zumindest wenn man einem Kommentator glaubt. In den Kommentarspalten beim heute von 20 Minuten veröffentlichten Artikel schreibt nämlich ein gewisser Tobias Müller:

Dass die “Journalistin” Debora Zeier nichts anderes als die Ex-Freundin des Fotografen und Betreibers von redsector ist und im Tresor Club, wo die Fotos gemacht worden sind, vor einiger Zeit täglich ein und aus ging… ja davon schreibt der Blick nichts… Billigster Journalismus….