Mit Flamenco wollten Rafael Segura und sein Cuadro die Glut Spaniens nach Grafstal bringen. Der Funke sprang jedoch nur teilweise auf das Publikum über.
Grafstal – Das Begegnungszentrum St. Josef erinnert in seiner Aufmachung an ein spanisches Nachtlokal. Die überall im Raum verteilten Tische wirken wie kleine Inselchen, um welche sich die Gäste scharen. An den Tischen wird Rotwein getrunken. Die aufgestellten Scheinwerfer tauchen dabei den Raum in ein feuriges Rot. Unter den rund 50 Besuchern sind vergnügte Gespräche im Gang. Doch dann senkt sich der Geräuschpegel – ein etwas älterer Mann, eine Tänzerin und ein Tänzer sowie ein Gitarrist betreten die Bühne. Es ist Rafael Segura und sein Cuadro Flamenco. Ohne grosse Umschweife beginnt der Zirkel sein Spiel. Juan Garcia entlockt seiner Gitarre typisch spanische Melodien, melancholisch und doch stolz. Dazu singt Rafael Segura mit geschlossenen Augen und gewaltiger Stimme von verflossener Liebe und grossen Gefühlen. In seinem Gesang finden sich die Einflüsse der Besetzung Spaniens durch die Araber wieder. Rasante und harte Wechsel der Tonlagen sowie eine Stimme, die aus dem Innersten der Seele zu kommen scheint.
Begleitet von Seguras Gesang und Garcias Gitarrenspiel zeigen Carin Segura und Miguel Tellez einen typischen Flamenco-Tanz. Carin Segura trägt ein langes, weisses, mit Blütenmustern versehenes Kleid, das um die Hüften eng geschnitten ist und an Armen und Beinen wieder in die Breite wächst. Dazu tragen beide hohe Tanzschuhe, mit welchen sie im Takt des Gitarrenspiels auf den Parkett steppen und so den Rhythmus verstärken. Sinnlichkeit beherrscht den Tanz des Paares – gradlinig blicken sich die Partner in die Augen und doch ist ihr Tanz von einer speziellen Distanziertheit umgeben. Mit ausgestreckten Armen berühren sie sich lediglich an den Händen, drehen sich so im Kreise und blicken letztlich in entgegengesetzte Richtungen. Tellez bleibt danach alleine auf der Bühne zurück, macht weiter, als ob er mit einer unsichtbaren Partnerin tanzen würde. Er ergreift sie, zieht sie an sich und starrt in die Leere. Dann setzt er einen immer schneller werdenden Stepptanz in Gang, der bald an Trommelfeuer erinnert und letztlich durch viele kleine Schrittchen prasselndem Regen gleichkommt. Am Ende applaudiert das Publikum erstmals lautstark.
Nach einer Pause tritt nur der Gitarrist auf die Bühne und spielt ein Stück, dass im Zuschauer Bilder weiter, karger Landschaften entstehen lässt. Auch danach applaudiert das Publikum kräftig – und doch scheint der Funke des temperamentvollen Flamencos nicht richtig auf die Anwesenden überzuspringen. Selten ein wippender Fuss oder eine im Takt der Melodie auf den Oberschenkel klopfende Hand: Zwei gänzlich verschiedene Kulturen prallen an diesem Abend aufeinander – eine, die ihre Gefühle nach aussen zu kehren pflegt, und eine, die ihre Gefühle stets zu kontrollieren weiss.
Dieser Artikel erschien am 07.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland.