Archiv für die Kategorie „Tages-Anzeiger“

Gossau hat ein neues Dorfbild

Dienstag, 8. Dezember 2009

Die neuen Kreisel sollen das übliche Grau durchbrechen.

Gossau – Ort des Geschehens an diesem grauen und kalten Samstag ist der Parkplatz vor der Gossauer Badi. Dort steht ein Tross, bestehend aus einer historischen Postkutsche, einem alten Postauto, einem gut 60-jährigen Rolls-Royce sowie zahlreichen Oldtimer-Traktoren, bereit und setzt sich schleppend in Bewegung. Die herausgeputzten Raritäten machen sich auf den Weg zu einer Dorfrundfahrt, die den Auftakt zu den Feierlichkeiten rund um den neuen Dorfkern bildet. In den Gefährten sitzen gut gelaunte Ehrengäste, Politiker und Bürger. Der Zug bahnt sich quer durch Wohnquartiere langsam seinen Weg. Überall auf der Strecke begegnen ihm Menschen, die ihm entzückt zuwinken. Zwischendurch bleibt ein Bührer-Traktor Baujahr 1934 auf der Strecke liegen, was im Postbus für Schalk und Gelächter sorgt. Dann fährt der Tross von Süden her ins Dorfzentrum ein, wo sich über 90 Stände aneinanderreihen und zahlreiche Menschen auf der Strasse sind. Zwischen den beiden neu gebauten Kreiseln halten die Oldtimer, und die Gäste steigen aus. Staunende Menschentrauben bilden sich um die alten Transportmittel, und vor allem die kleinen Besucher finden an ihnen grossen Gefallen. Im Hintergrund dieses Treibens spielt der Musikverein und trägt seinen Teil zur heiteren Stimmung bei. «Test, Test», spricht plötzlich eine sonore Stimme aus den am Strassenrand aufgestellten Lautsprechern, woraufhin suchende Blicke die Runde machen. Dann, wie von Geisterhand geformt, bilden die Festbesucher einen Kreis um einen Mann.

Die Kreisel kommen gut an

Der Mann ist Gemeindepräsident Jörg Kündig (FDP), der seine Festrede beginnt: «Liebe Gossauerinnen und Gossauer, es freut mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind», sagt er und spricht alsbald über die neu gebauten Kreisel. Er sei sehr erfreut über das Resultat der Bauarbeiten und deren Wirkung. «Die Kreisel bilden ein Tor zum Zentrum hin und durchbrechen das übliche Grau der Strassenzüge, wodurch sie für eine wohltuende Belebung sorgen», so Kündig. Er erhoffe sich davon mehr Leben für das Dorfzentrum. «Jetzt fehlt nur noch, dass die Lücke in der Oberlandautobahn endlich geschlossen wird», sagt er. Dann übergibt Kündig das Wort an Othmar Martin vom kantonalen Tiefbauamt. Dieser spricht über die Zahlen rund um die Bauarbeiten. So seien seit Mai 2008 für den Bau der beiden Kreisel und die Sanierung des Bachbetts des Laufenbachs rund 5,5 Millionen Franken investiert worden.

Daraufhin zerstreuen sich die Leute wieder, um sich an den Ständen mit Glühwein zu wärmen oder um ihren Hunger zu stillen. Beim oberen Kreisel an der Bertschikerstrasse stehen in der Zwischenzeit vereinzelte Festbesucher und diskutieren den Kreiselschmuck; aus Metallstäben geschweisste Globen, die mit dünnen Efeuranken überzogen sind. «Den neuen Kreiselschmuck finde ich schön. Er passt gut in die Landschaft», sagt Heidi Gisler, die die Globen gerade begutachtet. «Ja, die neuen Kreisel sind ganz schön. Aber auch die Frauen hier sind schön», scherzt ein Jugendlicher, woraufhin die ganze Gruppe lacht.

Weiter dorfeinwärts an der Laufenbachstrasse steht der zweite Kreisel. Aus Metallplatten geschweisste Menschen-Silhouetten zieren ihn. Sie scheinen dem Betrachter sagen zu wollen, dass man sich hier in einer Begegnungszone befindet. Ganz in der Nähe steht auch Fritz Schwarz aus Grüt, der gerade angeregt mit einem anderen Besucher Kreisel diskutiert. Er erhoffe sich von ihnen eine Verkehrsberuhigung. Denn bisher würden viele LKW über Grüt und Gossau fahren, um auf die Forch-Autobahn zu gelangen. «Womöglich nerven sich die LKW-Fahrer nun wegen der vielen Kreisel und machen fortan einen Bogen um Gossau.»

Dieser Artikel erschien am 07.12.2009 im Tages-Anzeiger Region Zürcher Oberland.

Risottoessen lockte viele Ustermer an

Montag, 23. November 2009

Nicht nur aus Verbundenheit zur Tradition kamen zahlreiche Ustermer zum gemeinsamen Risottoessen in die Stadthalle. Auch schon der schmackhafte Risotto selbst reichte dazu als Grund.

Das Küchenteam um Stadtweibel Markus Hauser hat an diesem Sonntagnachmittag alle Hände voll zu tun. Denn im Anschluss an Doris Leuthards Festrede in der reformierten Kirche strömen massenweise hungrige Ustermer in die Stadthalle. In ihrer Küche ist die Luft derweil dick. Nicht etwa aufgrund eines Streits, sondern wegen des Risottos, dessen Duft sich gleichermassen in Nase wie in Kleidern festsetzt. Dort, in der Küche, zieht Hauser nach etwas mehr als einer Stunde des Festbetriebs auch eine erste Zwischenbilanz: «Wir haben bis anhin rund 800 Portionen ausgegeben, wobei wir für den Anlass 70 Kilo Reis eingekauft haben.» Und dieses Jahr seien gar noch mehr Besucher gekommen als im letzten, erzählt Hauser. Hauser und sein Küchenteam arbeiten alle für die Stadt Uster oder sind in einem Verein tätig. Ihr Engagement für den Ustertag ist ehrenamtlich. «So lautet die offizielle Version, aber eigentlich wurden wir alle abkommandiert», scherzt er und lacht zusammen mit dem Rest des gut gelaunten Küchenteams.

In der zum Festsaal umfunktionierten Turnhalle herrscht unterdessen ein buntes Treiben. Im vorderen Teil spielen die Stadtmusik und der Tambourenverein, und auf den rund 50 Festbänken haben gegen 300 Besucher Platz genommen. Unter ihnen vertreten sind gleichermassen jüngere wie auch ältere Semester. So flitzen zwischen den Festbänken zwei Buben hindurch und spielen Fangen, während ihre Eltern mit einem befreundeten Paar diskutieren. Einige Bänke weiter weg sitzt ein Rentnerehepaar, welches sich offenbar nicht viel zu sagen hat: Beide starren abwechslungsweise in ihr Weinglas oder in die Menge der Festbesucher.

Man trifft auch auf eine Handvoll Jugendliche, die an einem Bier nippen und Sprüche klopfen. Und zudem haben sich ein Paar wenige zeitgenössische Soldaten ebenfalls unters Volk gemischt. Jene sind mit der traditionellen Ausrüstung aus Zeiten der Schweizer Staatsgründung bekleidet: eine blau-rote Uniform, an deren Schultern goldene Patten glänzen, ein klobiger Holzkarabiner und der typische Ledertornister.

Der Hunger weist den Weg

Der Pensionär Heinz Dregger ist schon seit dreissig Jahren am Ustertag anzutreffen. Seitdem er damals von Winterthur hierhergezogen ist, liess er sich dieses Ereignis niemals entgehen. «Frau Bundesrätin Leuthards Rede gefiel mir im Grossen und Ganzen gut», so Dregger. Dabei sei ihm Doris Leuthard und ihre Politik ansonsten eigentlich nicht so sympathisch, ergänzt er und lächelt schelmisch. Am Ende einer der Festbänke sitzt ein junger Mann. Sein Name ist Kai Hummel, und er ist weniger aus traditionellen Gründen hier. «Eigentlich kam ich bloss hierher, weil ich mich an dem Anlass günstig und gut verköstigen kann», gesteht der aus Deutschland stammende Maschinenbaustudent. Mit den Traditionen und der Geschichte der Stadt Uster sei er noch nicht so vertraut, da er erst seit Kurzem in der Schweiz wohne.

Und draussen vor der Stadthalle steht Fatlum Ramizi mit seiner Frau und den beiden Kindern. Er sei aus Neugierde gekommen. Das Essen sei gut gewesen und die Stimmung angenehm. Ein Arbeitskollege habe ihm den Anlass empfohlen, so der Ustermer Lieferwagenchauffeur. Leuthards Rede habe er jedoch nicht gehört. «Ich mag Politik nicht so», sagt er und lächelt ein wenig verlegen.

Dieser Artikel ist am 23.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland erschienen und Online abrufbar.

Politischer Nachwuchs gesucht

Freitag, 20. November 2009

Nachwuchs für politische Ämter zu finden ist nicht einfach. Diese Erfahrung mussten am Dienstag Behördenmitglieder in Wildberg machen.

Wildberg – Das Problem ist in vielen vor allem kleineren Gemeinden dasselbe: Kandidaten für öffentliche Ämter sind spärlich gesäht. Wildberg mit seinen rund 940 Einwohnern ist da keine Ausnahme. Im Vorfeld der Gemeindewahlen 2010 luden ihre Behörden deshalb zu einem Informationsabend, um dort für öffentliche Ämter die Werbetrommel zu rühren.

Im Saal des Restaurants Frohsinn erschienen rund 35 Wildbergerinnen und Wildberger. «Nur dank ehrenamtlichem Engagement funktioniert das Milizsystem in der Schweiz», sagte der Wildberger Gemeindeschreiber Matthias Küng bei der Eröffnung des Anlasses. «Die Aufgabe als Gemeinderat ist sehr vielfältig.» Allerdings benötige man dafür nicht nur Motivation, sondern vor allem auch Zeit: Mit rund 600 Stunden pro Jahr müsse man rechnen – als «Anfänger» gar mit 800. «Dafür wird man aber auch entschädigt», sagte Küng und nannte einen Betrag von 10 500 Franken inklusive Sitzungsgelder und Spesen, woraufhin ein Tuscheln die Runde machte. «Wir werden nächstens zwei Vakanzen im Gemeinderat haben», sagte Küng. Die Gemeinde sei nun auf der Suche nach Nachfolgern und schreibe Einwohner an. Die Rückmeldungen seien aber bescheiden. «Es wäre schön, wenn wir die Leute nicht erst anschreiben müssten», meinte Küng etwas enttäuscht.

Im Anschluss an Küngs Präsentation stellten Vertreter von Schulpflege, Rechnungsprüfungskommission, Frauenverein und Kirchenpflege ihre Behörden und Aufgabengebiete vor. Auch dort drohen wegen schon angekündigter Rücktritte mehrere Vakanzen.

Frauen in den Gemeinderat

Sabine Sieber, die in ihrer Funktion als Gemeindepräsidentin von Sternenberg an den Anlass in Wildberg eingeladen worden war, machte sich besonders für Frauen in der Gemeindepolitik stark. Vor vier Jahren sei sie bereits schon einmal hier gewesen und habe versucht, Frauen an die Politik heranzuführen – jedoch ohne grossen Erfolg. Sie gebe aber nicht zu schnell auf, betonte sie. «Frauen sollen sich nicht ständig sagen‹Ich kann das nicht, ich verstehe das nicht›», forderte Sieber. Anhand einer Statistik zeigte sie, dass es für einen Gemeinderat in erster Linie wichtig ist, Organisations- und Führungskompetenzen zu haben. Viele Frauen hätten darin bereits grosse Erfahrung – «als Managerinnen eines Kleinunternehmens genannt Familie», sagte sie. «Ich wünsche mir für die Gemeinde Wildberg, dass sie eine Gemeinderätin bekommt», schloss Sieber.

Nach den Referaten entstand eine angeregte Diskussion. Dabei wurde die Forderung laut, Neuzuzüger müssten besser angesprochen und für Gemeindepolitik interessiert werden. Es wurde auch Kritik an der Entlöhnung der Ämter geäussert – Aufwand und Entschädigung stünden in keinem Verhältnis. Gemeindeschreiber Matthias Küng erklärte dazu, dass die öffentliche Hand nie gleich viel bieten könne, wie die Privatwirtschaft. Der Präsident der Schulpflege, Roman Müller, doppelte nach: «Im Vordergrund sollte stehen, dass man es zum Wohle der Gemeinschaft tut – und nicht des Lohnes wegen.»

Dieser Artikel erschien am 19.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland und ist online abrufbar

Schon bald mitverantwortlich für hunderte von Menschenleben

Dienstag, 17. November 2009
Noch übt Kristina Suremann am Simulator, im Frühling geht es dann aber in den richtigen Kontrollraum. Foto: Peter Würmli

Noch übt Kristina Suremann am Simulator, im Frühling geht es dann aber in den richtigen Kontrollraum. Foto: Peter Würmli

Wangen – Über die Schweizer Köpfe fliegen täglich rund 3400 Flugzeuge hinweg. Der hiesige Luftraum ist einer der am dichtesten beflogenen Europas. Würde jeder Pilot nach Gutdünken fliegen, wären nicht nur ein heilloses Durcheinander vorprogrammiert, sondern auch Unfälle zu befürchten. Um dies zu verhindern, folgen die Flugzeuge den Anweisungen der Lotsen von Skyguide. Diese teilen den Piloten Luftkorridore zu und verhindern so, dass sich Flugzeuge in die Quere kommen. Die 21-Jährige Kristina Suremann wird bald eine davon sein. Die junge Mönchaltorferin absolviert eine Ausbildung zur Fluglotsin.

Den Bildschirm vor Augen

Beim Besuch des TA im Kontrollzentrum von Skyguide sitzt Kristina Suremann gerade an einem Simulator und absolviert die letzten Minuten ihres Trainings. Sie hat verschiedene Bildschirme vor sich. Das wichtigste Instrument der angehenden Fluglotsin ist der Radarschirm. Auf diesem kann sie die verschiedenen Flugzeuge mitsamt ihrer Flugroute verfolgen – die an diesem Trainingsarbeitsplatz allerdings nur simuliert am Himmel unterwegs sind.

Nachdem Suremann ihre Trainingseinheit beendet hat, erzählt sie von ihrem zukünftigen Job und ihrer Ausbildung: «Als Lotsin bin ich zuständig für alle Bewegungen die in meinem Luftraum stattfinden.» Kein Flieger dürfe ohne ihre Bewilligung steigen, sinken oder von der Route abweichen. Da Flieger sich gleichzeitig auf derselben Höhe bewegen können, sei sie verantwortlich, dass selbige sich nie näher kommen als fünf nautische Meilen, was ungefähr 9,3 Kilometern entspricht.

«Zu dieser Ausbildung kam ich per Zufall. Es war sicherlich nicht ein Kindertraum», erzählt sie und lacht. Nach ihrer vierjährigen Elektroniker-Lehre habe sie eine Anschlusslösung gesucht. Dabei sah sie in einer Zeitung ein Inserat, das für die Ausbildung bei Skyguide warb. «Ich meldete mich spontan und wollte einfach mal sehen, ob sich etwas ergibt», so Suremann. Es folgten verschiedene Abklärungen wie IQ-Tests, psychologische Tests und Interviews. «Zu meiner Überraschung bestand ich all diese Prüfungen», meint die 21-Jährige bescheiden und lächelt. Und so absolviert sie seit dem Herbst 2008 zusammen mit zehn Kollegen die zweijährige Ausbildung zur Fluglotsin.

Das erste Jahr sei von viel Theorie geprägt gewesen. «Nun absolviere ich aber seit drei Wochen ein On-The-JobTraining» sagt sie. Dieses finde vorerst am Simulator statt. Im Frühling folge dann aber auch Arbeit im richtigen Kontrollraum.

Job nicht ohne Stress

Darauf angesprochen, ob auf ihr als Lotsin nicht ein enormer Druck laste – das Stichwort Unglück von Überlingen fällt – wird sie einen Moment nachdenklich. «Doch, das habe ich mir im Voraus auch überlegt», sagt sie und räumt ein, dass sie schon ein wenig Bammel vor dem Live-Betrieb habe. Jedoch habe sie darüber auch schon häufig mit erfahrenen Arbeitskollegen gesprochen. «Es tut gut und beruhigt, wenn man von den Erfahrungen und Problemen der anderen hört», sagt Suremann. Erst vor kurzem habe sie miterlebt, wie ein von Mailand aus kommendes Flugzeug einen medizinischen Notfall meldete und wieder umkehren musste. Der diensthabende Fluglotse musste nun Mailand informieren, dass ein ausserplanmässiger Flug mit einem medizinischen Notfall an Bord unterwegs sei und landen wolle. Zudem musste er dem Flug eine neue Route zuweisen und andere Flugzeuge umlenken. Dies müsse schnell gehen und sei recht stressig.

«Es ist ein Job, der viel innere Überzeugung verlangt», fasst Suremann zusammen. Während der siebenstündigen Schicht müsse man hundertprozentig bei der Sache sein. Nach so einer Schicht sei sie dann schon ziemlich kaputt und froh, wenn sie sich zu Hause einfach mal gehen lassen könne oder Freunde treffe. «Das reicht mir als Ausgleich – ich bin eher nicht so die SportFanatikerin», meint sie und lacht.

Dieser Artikel erschien am 17.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland

Ohne Temprament kein Flamenco

Samstag, 7. November 2009

Mit Flamenco wollten Rafael Segura und sein Cuadro die Glut Spaniens nach Grafstal bringen. Der Funke sprang jedoch nur teilweise auf das Publikum über.

Grafstal – Das Begegnungszentrum St. Josef erinnert in seiner Aufmachung an ein spanisches Nachtlokal. Die überall im Raum verteilten Tische wirken wie kleine Inselchen, um welche sich die Gäste scharen. An den Tischen wird Rotwein getrunken. Die aufgestellten Scheinwerfer tauchen dabei den Raum in ein feuriges Rot. Unter den rund 50 Besuchern sind vergnügte Gespräche im Gang. Doch dann senkt sich der Geräuschpegel – ein etwas älterer Mann, eine Tänzerin und ein Tänzer sowie ein Gitarrist betreten die Bühne. Es ist Rafael Segura und sein Cuadro Flamenco. Ohne grosse Umschweife beginnt der Zirkel sein Spiel. Juan Garcia entlockt seiner Gitarre typisch spanische Melodien, melancholisch und doch stolz. Dazu singt Rafael Segura mit geschlossenen Augen und gewaltiger Stimme von verflossener Liebe und grossen Gefühlen. In seinem Gesang finden sich die Einflüsse der Besetzung Spaniens durch die Araber wieder. Rasante und harte Wechsel der Tonlagen sowie eine Stimme, die aus dem Innersten der Seele zu kommen scheint.

Begleitet von Seguras Gesang und Garcias Gitarrenspiel zeigen Carin Segura und Miguel Tellez einen typischen Flamenco-Tanz. Carin Segura trägt ein langes, weisses, mit Blütenmustern versehenes Kleid, das um die Hüften eng geschnitten ist und an Armen und Beinen wieder in die Breite wächst. Dazu tragen beide hohe Tanzschuhe, mit welchen sie im Takt des Gitarrenspiels auf den Parkett steppen und so den Rhythmus verstärken. Sinnlichkeit beherrscht den Tanz des Paares – gradlinig blicken sich die Partner in die Augen und doch ist ihr Tanz von einer speziellen Distanziertheit umgeben. Mit ausgestreckten Armen berühren sie sich lediglich an den Händen, drehen sich so im Kreise und blicken letztlich in entgegengesetzte Richtungen. Tellez bleibt danach alleine auf der Bühne zurück, macht weiter, als ob er mit einer unsichtbaren Partnerin tanzen würde. Er ergreift sie, zieht sie an sich und starrt in die Leere. Dann setzt er einen immer schneller werdenden Stepptanz in Gang, der bald an Trommelfeuer erinnert und letztlich durch viele kleine Schrittchen prasselndem Regen gleichkommt. Am Ende applaudiert das Publikum erstmals lautstark.

Nach einer Pause tritt nur der Gitarrist auf die Bühne und spielt ein Stück, dass im Zuschauer Bilder weiter, karger Landschaften entstehen lässt. Auch danach applaudiert das Publikum kräftig – und doch scheint der Funke des temperamentvollen Flamencos nicht richtig auf die Anwesenden überzuspringen. Selten ein wippender Fuss oder eine im Takt der Melodie auf den Oberschenkel klopfende Hand: Zwei gänzlich verschiedene Kulturen prallen an diesem Abend aufeinander – eine, die ihre Gefühle nach aussen zu kehren pflegt, und eine, die ihre Gefühle stets zu kontrollieren weiss.

Dieser Artikel erschien am 07.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland.

Kulturgemeinschaft Uster setzt auf junge Besucher

Donnerstag, 5. November 2009

Mit dem Stück «Die Belagerung» versucht die Kulturgemeinschaft Uster Jugendlichen das Theater schmackhaft zu machen.

Uster – Die Kulturgemeinschaft Uster (KGU) braucht junges Blut. Seit 60 Jahren organisiert die KGU kulturelle Veranstaltungen in den Sparten Theater, Konzerte, Kleinkunst und Literatur. Sie gehört damit zu den wichtigsten Kulturanbietern der Stadt. Seit einigen Jahren jedoch verliert sie kontinuierlich Zuschauer. Einst konnte die KGU 10 000 Zuschauer pro Spielsaison verzeichnen, 2006 waren es gerade noch 6500. Grund dafür sei die Konkurrenz der Stadtzürcher Theater, welche durch die schnellen Bahnverbindungen gewachsen sei, sagt Jan von Rennenkampff, Vorstand des Theaterbereichs der KGU. Zudem blieben auch viele ältere Besucher fern, «weil sie sich das Theater nicht mehr leisten konnten oder weil sie eben nicht mehr lebten». 2007 folgte eine Neuausrichtung der KGU mit dem Ziel, ein jüngeres Publikum zwischen 30 und 50 Jahren anzusprechen und die Marke von 10 000 Zuschauern wieder zu erreichen. Erster Schritt zu einem jüngeren Image waren eine neue Webseite und auffällige, in Orange gehaltene Werbeplakate. «Den Negativtrend konnten wir daraufhin stoppen. Die Zuschauerzahlen sind nun stabil», zieht Rennenkampff Bilanz.

Verjüngtes Programm

Zur selbst verordneten Verjüngungskur gehört auch ein neuer Spielplan, der insbesondere das jüngere Publikum berücksichtigt. «Wir versuchen damit die Jugendlichen schon früh für das Theater zu begeistern», erklärt Rennenkampff. Mit dem Stück «Die Belagerung», welches die KGU heute Abend zusammen mit der Zürcher Kompanie Kopfstand aufführen wird, richtet sie sich erstmals an ein jugendliches Publikum.

Grundlage dieser Inszenierung bildet das gleichnamige Jugendbuch von Martin Baltscheit. Die Geschichte spielt im Jahre 1927 in einem der kältesten Winter Sibiriens. Das kleine Dorf Pilowo wird eingeschneit und völlig von der Aussenwelt abgeschnitten. Als eine Familie des Dorfes aus Hungersnot Wolfsfleisch isst, belagern plötzlich Wölfe das Dorf, und zwischen Mensch und Wolf beginnt ein Kampf ums Überleben. Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler führen als Hörspiel-Produzenten durch die Inszenierung. Mit Mikrofonen treten sie im Halbdunkel an den Bühnenrand. Und mit ihren durch ein elektronisches Gerät verzerrten Stimmen wirken sie wie angsteinflössende Bestien. Man vernimmt das markdurchdringende Heulen der Wölfe, ihr Keuchen und Knurren. Langsam nähern sie sich einem der Häuser immer mehr. Dann: Ein paar glühende Augen erscheinen im Dunkel der Bühne. Plötzlich Stille. Immer tiefer und tiefer geraten die Zuschauer in den Bann einer nur scheinbar fremden Welt, in welcher der Mensch dem Wolf als Gegner gegenübersteht. Aber der Wolf ist nur eines von vielen möglichen Feindbildern, die uns auch heute umgeben. Wer ist Jäger, wer Gejagter? Das Stück zeige symbolisch auf, wie alle häufig Mensch und Wolf zugleich seien, sagt Charlotte Baumgart, Mitglied der Leitgruppe der Kompanie Kopfstand.

Die Kompanie Kopfstand stammt ursprünglich aus Deutschland und ist nun in Zürich sesshaft geworden. Das Ensemble kombiniert Theaterproduktion und Theaterpädagogik miteinander. Die Kompanie Kopfstand kooperiert dabei in unterschiedlichen Formen mit Kindergärten und Schulen. Zu den Proben für «Die Belagerung» wurden beispielsweise vier Patenklassen eingeladen. «Die Schüler konnten sich das Stück anschauen und uns Rückmeldungen dazu geben», erzählt Charlotte Baumgart. Sie hatten damit die Möglichkeit, das Stück aktiv mitzugestalten und Änderungsvorschläge anzubringen. «Die Kids fanden das ganz toll und machten mit grosser Begeisterung mit», erzählt Baumgart erfreut.

Dieser Artikel wurde am 05.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland publiziert

Er spielt das Lied vom Tod

Mittwoch, 4. November 2009

Der in Wald aufgewachsene Daniel Hildebrand ist professioneller
Mundharmonikaspieler. Dazu gehört eine gesunde Portion Melancholie.

Der in Wald aufgewachsene Daniel Hildebrand ist professioneller Mundharmonikaspieler. Dazu gehört eine gesunde Portion Melancholie.

Wald – Auf der Bühne steht ein junger Mann mit gesenktem Haupt. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, sein dunkler Filzhut verdeckt es. Langsam führt er eine Hand zu seinem Holster und zieht daraus blitzschnell einen silbernen Gegenstand hervor, der im Licht der Scheinwerfer kurz aufblitzt. Eine Szene, die aus einem Westernfilm stammen könnte. Doch während die Banditen an dieser Stelle ihren Colt ziehen würden, ist es bei Daniel Hildebrand lediglich seine Mundharmonika. Eine von fünf, die er an seinem Gürtel trägt. Nun führt er das Instrument langsam zu seinem Mund und beginnt sein Spiel mit drei lang gezogenen Tönen. Im Saal ist nun jedem klar, was folgt: «Spiel mir das Lied vom Tod», das Lied aus dem gleichnamigen Westernfilm. Durch das Publikum im Gasthof Lauf geht ein wohlwollendes Lachen. Der Auftritt oberhalb von Wald ist einer von vielen. Weitere folgen in den nächsten Wochen in Winterthur und Zürich. Der 32-Jährige versteht es, sein Publikum mit Einlagen wie dem Lied vom Tod zu unterhalten. Nun spielt er ein bluesiges Stück an. Unweigerlich tauchen Bilder vor dem inneren Auge auf: Louisiana, schwüle Nächte, das sich streitende Ehepaar von nebenan und von weit her, irgendwo in der dunklen Nacht, der verwegene Klang einer Blues-Harmonika. Hildebrand, der dieses Stück mit geschlossenen Augen und grosser Leidenschaft spielt, spinnt die Geschichte weiter. Die Melodie wird monotoner, die Töne werden härter, zunehmend gepresster, bis sie letztlich an das Keuchen einer alten Lokomotive erinnern. Diese wird schneller und schneller, gibt zwischendurch Signallaute ab und verwandelt sich plötzlich in einen Hochgeschwindigkeitszug. Nun spielt Hildebrand nämlich nicht mehr auf seiner Mundharmonika, sondern macht mit seinem Mund Beatboxing- Geräusche. Hildebrand lächelt zufrieden ins Publikum, nickt kurz und wendet sich wieder seiner Mundharmonika zu. Stets wirkt er bescheiden, ja schon fast demütig, und es hat den Anschein, als geniesse er jede einzelne Sekunde, die er hier spielen darf.

Aufgeregt wegen Heimspiel

Nach dem Konzert muss sich Hildebrand zuerst ein Bier holen, «um wieder ein wenig herunterzukommen». Er sei heute ein bisschen aufgeregt gewesen, da er doch die eine oder andere Person im Publikum von früher her kenne, erzählt er. Zwischendurch treten immer wieder Leute aus dem Publikum an ihn heran und gratulieren ihm – das Konzert sei toll gewesen. Hildebrand wohnte im Alter von 9 bis 18 Jahren im Walder Binzholz. Bald erkannte er, dass er professionell Musik machen will: «Ich spielte lange Zeit nur für mich selbst, aber dann bei der Berufswahl sah ich, dass sich Türen auftun», sagt er und blickt in die Ferne. Mit 18 Jahren habe er an einer Mundharmonika-Europameisterschaft teilgenommen und überraschend gewonnen, zwei Jahre später gewann er sogar die Weltmeisterschaft. «Das gab mir Selbstvertrauen», erzählt er. Nach seinem Musik- und Bewegungspädagogikstudium begann er Konzerte zu geben und trat auch schon im Ausland auf, beispielsweise am bayrischen Jazzweekend in Regensburg. Solche grossen Bühnen hätten zwar schon ihren Reiz, «jedoch verliert sich die Nähe zum Publikum ab einer gewissen Grösse». Für ihn sei es jedoch die Hauptsache, dass er spielen könne. «Und mit zum Spiel gehört auch immer eine gesunde Portion Melancholie», sagt er, und seine kastanienbraunen Augen strahlen dabei. «Es ist aber keine traurige Melancholie, sondern eine süsse, in der man schwelgen kann.»

Dieser Artikel erschien am 27.10.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland

Spatenstich für historische Bahnhofhalle

Montag, 12. Oktober 2009

Der Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland erhält Basels historische Bahnhofshalle. Die Feierlichkeiten rund um den Spatenstich für die neue Halle am Samstag waren trotz des Dauerregens gut besucht.

Es schien fast so, als hätte sich Petrus just den Moment des Spatenstiches ausgesucht, um dann die Schleusen zu öffnen und alles Wasser dieser Welt auf Bauma herunterregnen zu lassen. Der Regen prasselte unbarmherzig auf die Funktionäre des Dampfbahn-Vereins Zürcher Oberland (DVZO), auf die Baumer Gemeindepräsidentin Marianne Heimgartner (EVP) und die zahlreichen Besucher, welche sich unter ihren Regenschirmen versteckend um Heimgartner und Gerhard Fischer (EVP) scharten. Er vertrat als Vizepräsident des Kantonsrats die verhinderte Präsidentin Esther Hildebrandt (Grüne) und somit den Kanton Zürich.

«Eine Reise in die Vergangenheit»

Heimgartner, deren Notizen sich trotz dem Schutz eines Regenschirms schon bald aufzulösen begannen, liess sich von den Launen der Natur nicht beirren. Sie zeigte sich höchst erfreut darüber, dass Bauma mit Basels historischer Bahnhofshalle von anno 1860 eine weitere Bereicherung erfährt. Sie verwies auf die vielen anderen historischen Lokomotiven und Bahnwagen des DVZO, welche bereits jetzt in Bauma beheimatet sind, und meinte stolz: «In unserer Gemeinde kann man buchstäblich eine Reise in die Vergangenheit machen.» Wenig später erklomm Heimgartner zusammen mit Fischer den hinter ihnen auf dem Gleis stehenden Lastkran, welcher wohl ebenfalls bereits gegen die hundert Jahre alt ist.

Nun begann der Akt des Spatenstiches, der eigentlich gar kein Spatenstich war, sondern viel eher ein Gleisabriss: Mit vereinter Muskelkraft kurbelten Heimgartner und Fischer an einem Rad des Lastenkranes, welcher langsam, aber beharrlich ein Stück präparierten Gleises aus seinem Bett hievte. Der «Spatenstich» war vollbracht. Auf die neue, alte Bahnhofshalle müssen die Dampfbähnler allerdings noch eine Weile warten.

Die im Schweizer Heimatstil gebaute Halle, die 1860 im Basler Bahnhof errichtet und 40 Jahre später nach Olten gezügelt wurde, wird dem historisch wertvollen Wagenpark des DVZO in Bauma erst ab 2014 Schutz vor Regen und Schnee bieten. Dass der Applaus beim Spatenstich spärlich ausfiel, war nur darauf zurückzuführen, dass die Anwesenden mit einer Hand den Schirm umklammern mussten und somit nur eine Hand frei zum Applaudieren hatten. Hugo Wenger, Präsident des DVZO, informierte, dass nach einer halben Stunde noch ein Extrazug nach Hinwil fahre, woraufhin sich die Zuschauer gemächlich über das Baumer Bahnhofs-areal verstreuten.

Einige davon zog es gleich ins Festzelt, sei es um endlich dem Regen zu entkommen, oder sei es, weil sie der Geruch von frisch grillierten Bratwürsten anlockte. Viele andere aber, meist Väter mit ihren Söhnen, Hobbyfotografen oder ältere Eisenbahnfreunde, trieben sich trotz aller Widrigkeiten zwischen den Abstellgleisen herum. Dort waren nämlich die alten, fein herausgeputzten Loks abgestellt. Beispielsweise die von Eisenbahnfans verehrte Gotthard-Krokodillok mit Baujahr 1925 und ihrem obligaten grünen Anstrich. Oder die massive, gut elf Meter lange Tenderdampflok Ec 4/5 aus dem Jahre 1911, welche mit ihrem kohlrabenschwarzen Anstrich geradezu einschüchternd daherkommt. Sie reiste eigens aus dem Bernbiet ins Tösstal.

Der Sonderzug nach Hinwil

Wenig später kündigte sich mit lautem, weithallendem Pfeifen ein weiteres Ereignis an: Der Sonderzug nach Hinwil stand bereit. In die drei historischen Bahnwaggons oder in den roten Speisewagen stiegen nun allerlei Festbesucher ein und nahmen auf den sich darin befindlichen Holzbänken Platz. Die dreiachsige Lokomotive mit Baujahr 1907 begann immer heftiger zu schnauben, und aus ihrem Dampfdom stiess sie mehr und mehr Wasserdampf. Dann folgte noch einmal ein letzter Pfiff, ehe sie sich langsam, aber bestimmt in Bewegung setzte.

Aus dem Schornstein hustete sie dicke Rauchschwaden, die sich mit dem Dampf aus dem Schlot vermischten und den ohnehin schon grauen Himmel noch etwas dunkler färbten. Und nun zogen die weitgehend ungefederten Bahnwagen dröhnend an den noch verbliebenen Festbesuchern vorbei. Zuerst langsam, dann immer schneller, bis sie kleiner und kleiner wurden, sich mit den Dampf- und Rauchschwaden der Lok vermischten und im Einheitsgrau dieses Samstags verschwanden.

Dieser Artikel erschien am 12.10.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland