Aus dem Leben eines «Wörking Puur»

23. Januar 2010

In Steg unterhielt Bauer, Liedermacher und Autor Jakob Alt sein Publikum.

Steg – Der Auftritt von Jakob Alt hatte das Motto «Bauern und Büezer heute». Der Anlass fand, passend zum Thema, in der Fabrikhalle des Möbelherstellers Tossa statt. Passend deshalb, weil Bauern und Büezer in den letzten Jahrzehnten ähnlich turbulente Zeiten durchlebten wie die einst stolze Tösstaler Industrie. Der Einladung des SP-Forums Tösstal folgten zahlreiche Kulturfreunde. Gut 80 an der Zahl füllten den Raum bis zum hintersten Platz. Auch einzelne ältere Landwirte kamen, um sich ihren Berufskollegen anzuhören. Sie stachen dabei angenehm aus dem ansonsten adrett gekleideten Publikum heraus. Indes stimmten Jakob Alt und seine Band ihre Instrumente. Der Bauer und Liedermacher ist kräftig gebaut und man sieht ihm an, dass er arbeiten kann. Sein weiss meliertes Haar und der ausgeprägte Bart stehen dazu in einem sanften Kontrast.

Gedicht über Kuschel-Agronom

«Das Tösstal erinnert mich an meine Kindheit», sagte der 65-Jährige. In Oetwil an der Limmat habe es damals noch viele Bauernhöfe und gar eine Fabrik gegeben, aber diese Zeiten seien vorbei. Zusammen mit seiner Band spielte er ein erstes Mundartlied an, in dem er die jüngste Geschichte des Bauernstandes aufrollte. Mit viel Wortwitz erzählt er von Preisspekulationen, Landverkäufen, dem Wohnungsbau und dem Bauernsterben. In einem Gedicht nahm sich der Linke selbst auf die Schippe. Das Gedicht endet mit der Zeile «Ich bin gäge Gen und Atom, dänn ich bin en KuschelAgronom». Alt zog damit die Sympathie des Publikums auf seine Seite. Jakob Alt nennt sich selbst «Wörking Puur» – in Anspielung auf die «Working poor», die trotz Arbeit arm bleiben.

Der Oetwiler hat in seinem Leben viel erlebt. Zwischen Gedichten und Liedern erzählte er davon. So zum Beispiel, dass sein Vater bereits früh verstarb. Alt war damals gerade erst 3 Jahre alt. Schon früh musste er auf dem Hof Verantwortung übernehmen. «1971 gab ich den Hof auf, um Sozialarbeiter zu werden.» Es folgte der Umzug in einen Wohnblock, und er wurde Vater. Das Bauern habe ihm jedoch sehr gefehlt. Da er seinen Kindern das Aufwachsen in der Natur mit Tieren ermöglichen wollte, sei er wieder Bauer geworden.

Zusammen mit dem Fabrikchor sang Alt zum Schluss das «Internationale Bauernlied» – eine Anlehnung an die Internationale, das Kampflied der sozialistischen Arbeiterschaft. Dieses, wie ein älterer Zuhörer bemerkte, sei zwar etwas antiquiert gewesen, habe jedoch wunderbar in die Romantik des Bauernund Büezerlebens gepasst, unter welcher der Abend stand.

Dieser Artikel erschien am 23.01.2010 im Tages-Anzeiger Region Zürich & Oberland

Er hilft dort, wo es ihn braucht

6. Januar 2010

Der in Illnau-Effretikon lebende Jörg Bachofner ist Geschäftsführer des Pfungener Hilfswerks Selam. Die Dankbarkeit der Menschen ist für ihn das grösste Geschenk.

Illnau-Effretikon – In einem unscheinbaren Oberweninger Wohnquartier befindet sich die bescheidene Geschäftsstelle des christlichen Hilfswerks Selam. Dieses unterstützt seit Jahren bedürftige Kinder und Jugendliche in Äthiopien, indem es ihnen ein Zuhause bietet und ihnen eine Ausbildung ermöglicht. Selam steht damit in der Tradition vieler kleiner Hilfswerke, die es hierzulande gibt.

In der Schweiz verbucht Selam gerade einmal 140 Stellenprozente, wovon deren 80 auf den Geschäftsführer Jörg Bachofner entfallen. In seinem Büroraum erzählt Bachofner bei einer Tasse Kaffee, wie er mit Selam in Kontakt kam. «Das Hilfswerk wurde 1985 während der grossen Hungersnot in Äthiopien von der Pfungener Familie Röschli gegründet», so der 48-Jährige. Als er in den späten 80er-Jahren mit Frau und Kind nach Pfungen zog, lernte er dort im gemeinsamen Gebetskreis die Familie Röschli kennen. Ihre Wege trennten sich danach aber wieder für eine Weile. «Wir zogen nämlich für einige Jahre in die Elfenbeinküste, um dort bei Entwicklungsprojekten mitzuhelfen», erzählt der diplomierte AgroIngenieur.

Die Dankbarkeit der Menschen

Als Anfang der 90er-Jahre sein Engagement in Westafrika zu Ende war, bereiste Bachofner Äthiopien. Dort gab er Selam sein Wissen über Tierhaltung weiter. Daraufhin verebbte der Kontakt wieder, bis an einem Herbsttag im Jahr 2007 jemand von Selam anrief. Denn im Sommer desselben Jahres war völlig überraschend der damalige Geschäftsführer verstorben. Das Hilfswerk benötigte somit selbst Hilfe.

Bachofner übernahm die Aufgabe. «Wenn es mich irgendwo braucht, dann helfe ich dort», sagt er und fügt an, dass dies ein Stück weit auch sein Lebensmotto sei. Denn schon damals in der Elfenbeinküste habe er festgestellt, dass ihm das Helfen eine tiefe innere Befriedigung verschaffe. «Zu dienen, ist für mich eine Quelle der Freude», sagt er und lächelt.

Als Beispiel nennt er seine Erfahrungen, die er in einem rückständigen Grenzgebiet der Elfenbeinküste gesammelt hat. Dort habe er liberianische Flüchtlinge in Landwirtschaft unterrichtet. «Die Dankbarkeit dieser Menschen war für mich das grösste Geschenk», erzählt er gerührt. Jene hätten ihm erzählt, dass man ihnen alles genommen habe. Aber das Wissen, welches er ihnen vermittelt habe, könne ihnen nun niemand mehr wegnehmen. «In Afrika habe ich einen Erdteil kennengelernt, wo die Beziehung der Menschen untereinander wichtiger ist als alles andere», resümiert Bachofner. Nachdenklich fügt er an: «Das ist etwas, was wir hier leider ein wenig verlernt haben.»

Ausbildung auf hohem Niveau

Selam indes betreibt in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba zwei «Children’s Villages», die rund 450 Waisenkindern ein Zuhause bieten. Daneben besitzt das christliche Hilfswerk eine eigene Privatschule, in der es gegen 3000 Schüler unterrichtet. Für die Berufsbildung gibt es zusätzlich ein eigenes Ausbildungszentrum. «1991 nahmen wir die ersten 16 Schlosserlehrlinge auf, die nach drei Jahren ihre Ausbildung auf Schweizer Niveau abschlossen», so Bachofner. Letztes Jahr seien es bereits 110 Lehrlinge gewesen, die ihre Lehre als Schlosser oder Elektriker erfolgreich beendeten.

Heute bietet das Zentrum Lehrstellen für angehende Schlosser, Mechaniker, Elektriker, Automechaniker, Biogas- und Solarenergiespezialisten, aber auch im Hausbau an. «Unsere Lehrlinge erhalten dort eine sogenannte On-theJob-Ausbildung», erzählt Bachofner. Sie würden Teil der Wertschöpfung und trügen somit zur Finanzierung ihrer eigenen Ausbildung bei. Der Erfolg sei beachtlich: «Wir können sagen, dass das Ausbildungszentrum aus jedem Spendenfranken einen zweiten Franken erwirtschaftet.»

Dieser Artikel erschien am 06.01.2010 im Tages-Anzeiger Region Oberland

Generationengespräch zwischen zwei Journalistinnen

3. Januar 2010

Im «Echo der Zeit» vom 30.12.2009 sprachen im Rahmen der Serie «Generationengespräch» Margrit Sprecher (73) und Michèle Roten (30) über die Zukunft des Journalismus. Einen grossen Stellenwert im Gespräch bilden das Internet, Qualitätsjournalismus und den journalistischen Werdegang.

Link zum Gespräch

Die Zukunft der Massenmedien

21. Dezember 2009

Im März 2009 hat Clay Shirky einen Blogartikel verfasst, der bisher über 1000 backlinks gesammelt hat. Wer selber bloggt, weiß, wie schwer es ist, überhaupt mehr als 20 zu bekommen. Es ging in Newspapers and Thinking the Unthinkable um die Zukunft der Massenmedien – vor allem um die Presse. Hier ist ein sehr spannendes, aktuelles Interview von Jay Rosen (pressthink.org) mit Clay Shirky, das eigentlich jeder ansehen sollte, der sich mit Medien auseinandersetzt. Sehr persönlich, sehr umfangreich und sehr spannend plaudern beide über Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Medien. Video in 5 Teilen…

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

via Blogpiloten / Jörg Wittkewitz

Bildnachweis: Joi

Gossau hat ein neues Dorfbild

8. Dezember 2009

Die neuen Kreisel sollen das übliche Grau durchbrechen.

Gossau – Ort des Geschehens an diesem grauen und kalten Samstag ist der Parkplatz vor der Gossauer Badi. Dort steht ein Tross, bestehend aus einer historischen Postkutsche, einem alten Postauto, einem gut 60-jährigen Rolls-Royce sowie zahlreichen Oldtimer-Traktoren, bereit und setzt sich schleppend in Bewegung. Die herausgeputzten Raritäten machen sich auf den Weg zu einer Dorfrundfahrt, die den Auftakt zu den Feierlichkeiten rund um den neuen Dorfkern bildet. In den Gefährten sitzen gut gelaunte Ehrengäste, Politiker und Bürger. Der Zug bahnt sich quer durch Wohnquartiere langsam seinen Weg. Überall auf der Strecke begegnen ihm Menschen, die ihm entzückt zuwinken. Zwischendurch bleibt ein Bührer-Traktor Baujahr 1934 auf der Strecke liegen, was im Postbus für Schalk und Gelächter sorgt. Dann fährt der Tross von Süden her ins Dorfzentrum ein, wo sich über 90 Stände aneinanderreihen und zahlreiche Menschen auf der Strasse sind. Zwischen den beiden neu gebauten Kreiseln halten die Oldtimer, und die Gäste steigen aus. Staunende Menschentrauben bilden sich um die alten Transportmittel, und vor allem die kleinen Besucher finden an ihnen grossen Gefallen. Im Hintergrund dieses Treibens spielt der Musikverein und trägt seinen Teil zur heiteren Stimmung bei. «Test, Test», spricht plötzlich eine sonore Stimme aus den am Strassenrand aufgestellten Lautsprechern, woraufhin suchende Blicke die Runde machen. Dann, wie von Geisterhand geformt, bilden die Festbesucher einen Kreis um einen Mann.

Die Kreisel kommen gut an

Der Mann ist Gemeindepräsident Jörg Kündig (FDP), der seine Festrede beginnt: «Liebe Gossauerinnen und Gossauer, es freut mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind», sagt er und spricht alsbald über die neu gebauten Kreisel. Er sei sehr erfreut über das Resultat der Bauarbeiten und deren Wirkung. «Die Kreisel bilden ein Tor zum Zentrum hin und durchbrechen das übliche Grau der Strassenzüge, wodurch sie für eine wohltuende Belebung sorgen», so Kündig. Er erhoffe sich davon mehr Leben für das Dorfzentrum. «Jetzt fehlt nur noch, dass die Lücke in der Oberlandautobahn endlich geschlossen wird», sagt er. Dann übergibt Kündig das Wort an Othmar Martin vom kantonalen Tiefbauamt. Dieser spricht über die Zahlen rund um die Bauarbeiten. So seien seit Mai 2008 für den Bau der beiden Kreisel und die Sanierung des Bachbetts des Laufenbachs rund 5,5 Millionen Franken investiert worden.

Daraufhin zerstreuen sich die Leute wieder, um sich an den Ständen mit Glühwein zu wärmen oder um ihren Hunger zu stillen. Beim oberen Kreisel an der Bertschikerstrasse stehen in der Zwischenzeit vereinzelte Festbesucher und diskutieren den Kreiselschmuck; aus Metallstäben geschweisste Globen, die mit dünnen Efeuranken überzogen sind. «Den neuen Kreiselschmuck finde ich schön. Er passt gut in die Landschaft», sagt Heidi Gisler, die die Globen gerade begutachtet. «Ja, die neuen Kreisel sind ganz schön. Aber auch die Frauen hier sind schön», scherzt ein Jugendlicher, woraufhin die ganze Gruppe lacht.

Weiter dorfeinwärts an der Laufenbachstrasse steht der zweite Kreisel. Aus Metallplatten geschweisste Menschen-Silhouetten zieren ihn. Sie scheinen dem Betrachter sagen zu wollen, dass man sich hier in einer Begegnungszone befindet. Ganz in der Nähe steht auch Fritz Schwarz aus Grüt, der gerade angeregt mit einem anderen Besucher Kreisel diskutiert. Er erhoffe sich von ihnen eine Verkehrsberuhigung. Denn bisher würden viele LKW über Grüt und Gossau fahren, um auf die Forch-Autobahn zu gelangen. «Womöglich nerven sich die LKW-Fahrer nun wegen der vielen Kreisel und machen fortan einen Bogen um Gossau.»

Dieser Artikel erschien am 07.12.2009 im Tages-Anzeiger Region Zürcher Oberland.

Risottoessen lockte viele Ustermer an

23. November 2009

Nicht nur aus Verbundenheit zur Tradition kamen zahlreiche Ustermer zum gemeinsamen Risottoessen in die Stadthalle. Auch schon der schmackhafte Risotto selbst reichte dazu als Grund.

Das Küchenteam um Stadtweibel Markus Hauser hat an diesem Sonntagnachmittag alle Hände voll zu tun. Denn im Anschluss an Doris Leuthards Festrede in der reformierten Kirche strömen massenweise hungrige Ustermer in die Stadthalle. In ihrer Küche ist die Luft derweil dick. Nicht etwa aufgrund eines Streits, sondern wegen des Risottos, dessen Duft sich gleichermassen in Nase wie in Kleidern festsetzt. Dort, in der Küche, zieht Hauser nach etwas mehr als einer Stunde des Festbetriebs auch eine erste Zwischenbilanz: «Wir haben bis anhin rund 800 Portionen ausgegeben, wobei wir für den Anlass 70 Kilo Reis eingekauft haben.» Und dieses Jahr seien gar noch mehr Besucher gekommen als im letzten, erzählt Hauser. Hauser und sein Küchenteam arbeiten alle für die Stadt Uster oder sind in einem Verein tätig. Ihr Engagement für den Ustertag ist ehrenamtlich. «So lautet die offizielle Version, aber eigentlich wurden wir alle abkommandiert», scherzt er und lacht zusammen mit dem Rest des gut gelaunten Küchenteams.

In der zum Festsaal umfunktionierten Turnhalle herrscht unterdessen ein buntes Treiben. Im vorderen Teil spielen die Stadtmusik und der Tambourenverein, und auf den rund 50 Festbänken haben gegen 300 Besucher Platz genommen. Unter ihnen vertreten sind gleichermassen jüngere wie auch ältere Semester. So flitzen zwischen den Festbänken zwei Buben hindurch und spielen Fangen, während ihre Eltern mit einem befreundeten Paar diskutieren. Einige Bänke weiter weg sitzt ein Rentnerehepaar, welches sich offenbar nicht viel zu sagen hat: Beide starren abwechslungsweise in ihr Weinglas oder in die Menge der Festbesucher.

Man trifft auch auf eine Handvoll Jugendliche, die an einem Bier nippen und Sprüche klopfen. Und zudem haben sich ein Paar wenige zeitgenössische Soldaten ebenfalls unters Volk gemischt. Jene sind mit der traditionellen Ausrüstung aus Zeiten der Schweizer Staatsgründung bekleidet: eine blau-rote Uniform, an deren Schultern goldene Patten glänzen, ein klobiger Holzkarabiner und der typische Ledertornister.

Der Hunger weist den Weg

Der Pensionär Heinz Dregger ist schon seit dreissig Jahren am Ustertag anzutreffen. Seitdem er damals von Winterthur hierhergezogen ist, liess er sich dieses Ereignis niemals entgehen. «Frau Bundesrätin Leuthards Rede gefiel mir im Grossen und Ganzen gut», so Dregger. Dabei sei ihm Doris Leuthard und ihre Politik ansonsten eigentlich nicht so sympathisch, ergänzt er und lächelt schelmisch. Am Ende einer der Festbänke sitzt ein junger Mann. Sein Name ist Kai Hummel, und er ist weniger aus traditionellen Gründen hier. «Eigentlich kam ich bloss hierher, weil ich mich an dem Anlass günstig und gut verköstigen kann», gesteht der aus Deutschland stammende Maschinenbaustudent. Mit den Traditionen und der Geschichte der Stadt Uster sei er noch nicht so vertraut, da er erst seit Kurzem in der Schweiz wohne.

Und draussen vor der Stadthalle steht Fatlum Ramizi mit seiner Frau und den beiden Kindern. Er sei aus Neugierde gekommen. Das Essen sei gut gewesen und die Stimmung angenehm. Ein Arbeitskollege habe ihm den Anlass empfohlen, so der Ustermer Lieferwagenchauffeur. Leuthards Rede habe er jedoch nicht gehört. «Ich mag Politik nicht so», sagt er und lächelt ein wenig verlegen.

Dieser Artikel ist am 23.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland erschienen und Online abrufbar.

Politischer Nachwuchs gesucht

20. November 2009

Nachwuchs für politische Ämter zu finden ist nicht einfach. Diese Erfahrung mussten am Dienstag Behördenmitglieder in Wildberg machen.

Wildberg – Das Problem ist in vielen vor allem kleineren Gemeinden dasselbe: Kandidaten für öffentliche Ämter sind spärlich gesäht. Wildberg mit seinen rund 940 Einwohnern ist da keine Ausnahme. Im Vorfeld der Gemeindewahlen 2010 luden ihre Behörden deshalb zu einem Informationsabend, um dort für öffentliche Ämter die Werbetrommel zu rühren.

Im Saal des Restaurants Frohsinn erschienen rund 35 Wildbergerinnen und Wildberger. «Nur dank ehrenamtlichem Engagement funktioniert das Milizsystem in der Schweiz», sagte der Wildberger Gemeindeschreiber Matthias Küng bei der Eröffnung des Anlasses. «Die Aufgabe als Gemeinderat ist sehr vielfältig.» Allerdings benötige man dafür nicht nur Motivation, sondern vor allem auch Zeit: Mit rund 600 Stunden pro Jahr müsse man rechnen – als «Anfänger» gar mit 800. «Dafür wird man aber auch entschädigt», sagte Küng und nannte einen Betrag von 10 500 Franken inklusive Sitzungsgelder und Spesen, woraufhin ein Tuscheln die Runde machte. «Wir werden nächstens zwei Vakanzen im Gemeinderat haben», sagte Küng. Die Gemeinde sei nun auf der Suche nach Nachfolgern und schreibe Einwohner an. Die Rückmeldungen seien aber bescheiden. «Es wäre schön, wenn wir die Leute nicht erst anschreiben müssten», meinte Küng etwas enttäuscht.

Im Anschluss an Küngs Präsentation stellten Vertreter von Schulpflege, Rechnungsprüfungskommission, Frauenverein und Kirchenpflege ihre Behörden und Aufgabengebiete vor. Auch dort drohen wegen schon angekündigter Rücktritte mehrere Vakanzen.

Frauen in den Gemeinderat

Sabine Sieber, die in ihrer Funktion als Gemeindepräsidentin von Sternenberg an den Anlass in Wildberg eingeladen worden war, machte sich besonders für Frauen in der Gemeindepolitik stark. Vor vier Jahren sei sie bereits schon einmal hier gewesen und habe versucht, Frauen an die Politik heranzuführen – jedoch ohne grossen Erfolg. Sie gebe aber nicht zu schnell auf, betonte sie. «Frauen sollen sich nicht ständig sagen‹Ich kann das nicht, ich verstehe das nicht›», forderte Sieber. Anhand einer Statistik zeigte sie, dass es für einen Gemeinderat in erster Linie wichtig ist, Organisations- und Führungskompetenzen zu haben. Viele Frauen hätten darin bereits grosse Erfahrung – «als Managerinnen eines Kleinunternehmens genannt Familie», sagte sie. «Ich wünsche mir für die Gemeinde Wildberg, dass sie eine Gemeinderätin bekommt», schloss Sieber.

Nach den Referaten entstand eine angeregte Diskussion. Dabei wurde die Forderung laut, Neuzuzüger müssten besser angesprochen und für Gemeindepolitik interessiert werden. Es wurde auch Kritik an der Entlöhnung der Ämter geäussert – Aufwand und Entschädigung stünden in keinem Verhältnis. Gemeindeschreiber Matthias Küng erklärte dazu, dass die öffentliche Hand nie gleich viel bieten könne, wie die Privatwirtschaft. Der Präsident der Schulpflege, Roman Müller, doppelte nach: «Im Vordergrund sollte stehen, dass man es zum Wohle der Gemeinschaft tut – und nicht des Lohnes wegen.»

Dieser Artikel erschien am 19.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland und ist online abrufbar

Schon bald mitverantwortlich für hunderte von Menschenleben

17. November 2009
Noch übt Kristina Suremann am Simulator, im Frühling geht es dann aber in den richtigen Kontrollraum. Foto: Peter Würmli

Noch übt Kristina Suremann am Simulator, im Frühling geht es dann aber in den richtigen Kontrollraum. Foto: Peter Würmli

Wangen – Über die Schweizer Köpfe fliegen täglich rund 3400 Flugzeuge hinweg. Der hiesige Luftraum ist einer der am dichtesten beflogenen Europas. Würde jeder Pilot nach Gutdünken fliegen, wären nicht nur ein heilloses Durcheinander vorprogrammiert, sondern auch Unfälle zu befürchten. Um dies zu verhindern, folgen die Flugzeuge den Anweisungen der Lotsen von Skyguide. Diese teilen den Piloten Luftkorridore zu und verhindern so, dass sich Flugzeuge in die Quere kommen. Die 21-Jährige Kristina Suremann wird bald eine davon sein. Die junge Mönchaltorferin absolviert eine Ausbildung zur Fluglotsin.

Den Bildschirm vor Augen

Beim Besuch des TA im Kontrollzentrum von Skyguide sitzt Kristina Suremann gerade an einem Simulator und absolviert die letzten Minuten ihres Trainings. Sie hat verschiedene Bildschirme vor sich. Das wichtigste Instrument der angehenden Fluglotsin ist der Radarschirm. Auf diesem kann sie die verschiedenen Flugzeuge mitsamt ihrer Flugroute verfolgen – die an diesem Trainingsarbeitsplatz allerdings nur simuliert am Himmel unterwegs sind.

Nachdem Suremann ihre Trainingseinheit beendet hat, erzählt sie von ihrem zukünftigen Job und ihrer Ausbildung: «Als Lotsin bin ich zuständig für alle Bewegungen die in meinem Luftraum stattfinden.» Kein Flieger dürfe ohne ihre Bewilligung steigen, sinken oder von der Route abweichen. Da Flieger sich gleichzeitig auf derselben Höhe bewegen können, sei sie verantwortlich, dass selbige sich nie näher kommen als fünf nautische Meilen, was ungefähr 9,3 Kilometern entspricht.

«Zu dieser Ausbildung kam ich per Zufall. Es war sicherlich nicht ein Kindertraum», erzählt sie und lacht. Nach ihrer vierjährigen Elektroniker-Lehre habe sie eine Anschlusslösung gesucht. Dabei sah sie in einer Zeitung ein Inserat, das für die Ausbildung bei Skyguide warb. «Ich meldete mich spontan und wollte einfach mal sehen, ob sich etwas ergibt», so Suremann. Es folgten verschiedene Abklärungen wie IQ-Tests, psychologische Tests und Interviews. «Zu meiner Überraschung bestand ich all diese Prüfungen», meint die 21-Jährige bescheiden und lächelt. Und so absolviert sie seit dem Herbst 2008 zusammen mit zehn Kollegen die zweijährige Ausbildung zur Fluglotsin.

Das erste Jahr sei von viel Theorie geprägt gewesen. «Nun absolviere ich aber seit drei Wochen ein On-The-JobTraining» sagt sie. Dieses finde vorerst am Simulator statt. Im Frühling folge dann aber auch Arbeit im richtigen Kontrollraum.

Job nicht ohne Stress

Darauf angesprochen, ob auf ihr als Lotsin nicht ein enormer Druck laste – das Stichwort Unglück von Überlingen fällt – wird sie einen Moment nachdenklich. «Doch, das habe ich mir im Voraus auch überlegt», sagt sie und räumt ein, dass sie schon ein wenig Bammel vor dem Live-Betrieb habe. Jedoch habe sie darüber auch schon häufig mit erfahrenen Arbeitskollegen gesprochen. «Es tut gut und beruhigt, wenn man von den Erfahrungen und Problemen der anderen hört», sagt Suremann. Erst vor kurzem habe sie miterlebt, wie ein von Mailand aus kommendes Flugzeug einen medizinischen Notfall meldete und wieder umkehren musste. Der diensthabende Fluglotse musste nun Mailand informieren, dass ein ausserplanmässiger Flug mit einem medizinischen Notfall an Bord unterwegs sei und landen wolle. Zudem musste er dem Flug eine neue Route zuweisen und andere Flugzeuge umlenken. Dies müsse schnell gehen und sei recht stressig.

«Es ist ein Job, der viel innere Überzeugung verlangt», fasst Suremann zusammen. Während der siebenstündigen Schicht müsse man hundertprozentig bei der Sache sein. Nach so einer Schicht sei sie dann schon ziemlich kaputt und froh, wenn sie sich zu Hause einfach mal gehen lassen könne oder Freunde treffe. «Das reicht mir als Ausgleich – ich bin eher nicht so die SportFanatikerin», meint sie und lacht.

Dieser Artikel erschien am 17.11.2009 im Tages-Anzeiger Region Oberland

17-Jährige rücken Nationalgefühl wieder grade

16. November 2009

In letzter Zeit wurde das Schweizer Nationalgefühl arg gebeutelt. Man bezeichnet uns als Indianer, wir machen vor einer diktatorischen Witzfigur den Bückling und unser Bankgeheimnis droht zu kippen. Weder Politik, Diplomatie oder die Wirtschaftselite konnten daran irgendetwas ändern. Und nun – es entbehrt nicht einer gewissen Ironie – rückt die in Verruf geratene Schweizer Jugend das Nationalgefühl wieder grade.

Howard Gossage

10. November 2009

In der Bezahlausgabe des heutigen Tagi, verfasste Constantin Seibt eine wunderbare Geschichte zum 40. Todestag des Werbegenies Howard Luck Gossage. Da der Artikel online leider nicht abrufbar ist, ich ihn euch jedoch trotzdem nicht vorenthalten möchte, verlinke ich hier ausnahmsweise auf das PDF zum Download.